Seraina Frey

Metamorphloat

Innenraum Collage
Kohlezeichnung 1
Kohlezeichnung 2

In dem Haus, indem ich aufgewachsen bin, gab es einen Dachboden. Jedes Mal, wenn ich die Luke nach oben aufstiess, schlug mir eine kühle, modrige Luft entgegen. Über eine steile, schmale Treppe, die knarrte unter den Füssen konnte man den Dachboden betreten. Es roch nach altem Holz, Staub und ein wenig Feuchtigkeit. Zu Beginn war er für meinen Bruder und mich eher ein Ort der Furcht. Der Boden war rau, kalt und knirschte beim Betreten, der gesamte Raum wirkte düster. Staub wirbelte auf, sobald man sich bewegte, und in den schrägen Lichtstrahlen, die durch kleine Ritzen und die Dachfenster fielen, konnte man die feinen Partikel tanzen sehen. Besonders abends war es unheimlich, die einzige Beleuchtung war eine grelle Neonröhre, die ein kaltes, steriles Licht machte und die Schatten noch länger und kantiger erscheinen liess. Oft trauten wir uns nicht, im Dunkeln hinaufzugehen. Doch genau dieser Raum, der uns anfangs fremd und bedrohlich vorkam, wurde mit der Zeit zu unserem geheimen Rückzugsort. Da wir den Platz nicht für Kisten oder sonstige Sachen brauchten, konnten wir ihn für uns nutzen. Wir trugen Matratzen hinauf, legten Teppiche auf den harten, staubigen Holzboden, sodass das Knarren des Bodens gedämpft wurde und wir es uns zum ersten Mal bequem machen konnten. Über die kräftigen Holzbalken spannten wir Tücher, die wie Wände wirkten und uns eine Hütte im Raum gaben. Plötzlich fühlte sich der weite, offene Dachboden richtig geborgen an. Das Schönste aber war, wie wir den Raum mit Licht veränderten. Statt der kalten Neonröhre hängten wir Lichterketten auf, sowie eine alte Stehlampe mit einem gelben Schirm, was ein weiches, warmes Licht verbreitete. Mit unserer Leinwand und dem Beamer bauten wir sogar ein kleines Heimkino. Dort, zwischen den knarzenden Balken und den aufgehängten Stoffen, sassen wir nun nebeneinander in Decken gewickelt und schauten Filme, hörten uns Hörspiele an, liessen unsere Fantasien freien Lauf, verkleideten uns und spielten etwas. Manchmal hörte man den Wind, der draussen an den Dachziegeln zerrte, oder das leise Tropfen von Regen. Doch anstatt uns zu ängstigen, verstärkte dieses Geräusch das Gefühl, abgeschottet und sicher in unserer eigenen Welt zu sein. So verwandelte sich der Dachboden für uns von einem düsteren, kühlen und unheimlichen Ort in einen lebendigen Fantasieraum voller Wärme, Geborgenheit und Abenteuer. Wir liebten diesen Raum so sehr, dass wir dort sogar manchmal übernachteten.

Papiermodell 1
Papiermodell 2 / Prozessbild
Gussmodell 1
Gussmodell 2 / Atmosphärisches Bild